Ein Dreivierteljahr, das alles veränderte

Seit April war ich ein bißchen Lehrerin, aber viel mehr einfach nur "da" für unsere Ankömmlinge. Für die einen mehr und für die anderen weniger, aber die meisten kennen mich, und heute strahlen nicht nur die, die seit Anfang da sind, wenn sie mich sehen und umgekehrt. Das ist ein ganz persönliches Erlebnis, aber ich denke viele Mitstreiter und freiwillige Helfer können ähnliches berichten.

Was ich erlebt habe an Zuneigung, Freundlichkeit, Warmherzigkeit und Dankbarkeit habe ich meinem ganzen Leben nicht geerntet. Ich bin sehr dankbar, dass mich mein Weg zu den Geflüchteten führte und ich geben durfte, was in meinen Möglichkeiten lag: Zeit, Aufmerksamkeit und Gastfreundschaft. Diese Gastfreundschaft kostete mich meine Wohnung, weil die Hausherren so gar nicht damit einverstanden waren...

Nun werde ich wegziehen aus Gransee, aber ab und an zu den bunten Abenden kommen, denn die Menschen, die in der Initiative tätig sind, all die, die ich kenne und alle, die neu hinzukommen, sind ein Licht in dieser trostlosen Welt für diejenigen, die Licht so sehr brauchen in einer schwierigen Situation, die sie selbst nicht verschuldet haben. Wieviel Einzelschicksale ich kennengelernt habe, die wir uns an Grausamkeit gar nicht vorstellen können in unserer so gut eingerichteten Welt, wieviele Tränen geweint wurden, wieviel aber auch gelacht und gefeiert wurde und wieviel ich lernen durfte aus der Sichtweise der Menschen aus dem Mittleren Osten, ist nicht aufzuwiegen gegenüber der geringen Arbeit, die ich selbst einbrachte. Geben ist eben seliger als Nehmen.

Wieviele Stunden ich im Auto saß und wieviele Kilometer ich gefahren bin, wieviele Stunden im Chat oder am PC, wieviele Telefonate mit Behörden und Ämtern oder Wohnungsgesellschaften ich führte, wie oft ich andere Erfahrene um Hilfe beten musste und die Hilfsbereitschaft, die ich erfuhr, wie auch die ablehnenden Reaktionen kann ich nicht zählen. Alles ist unwichtig im Vergleich zu den wertvollen Erfahrungen, die ich persönlich machen durfte. Sogesehen sind die Menschen ein großer Segen, der zu mehr Menschlichkeit in meinem eigenen Leben dienten und dienen. Mit Leid konfrontiert zu werden ist hart, aber es filtert auch die Unwichtigkeiten von dem Wirklichen und man bekommt eine neue Geisteshaltung.

So viele habe ich in mein Herz geschlossen und welche Freude überkommt mich, sehe ich die anfangs noch total verschücherten, traumatiersierten Menschen, die heute lachen können, und wenn die Blockade weg und Vertrauen aufgebaut ist, auch die „hoffnunglosesten Fälle“ nun anfangen deutsch zu sprechen und eifrig lernen wollen und auch können. Wunderbar, dass es die erweiterten Sprachkurse gibt und wunderbar, dass sich gute Lehrerinnen dieser Arbeit widmen. 

Ich bedauere all jene, die keinen Blick riskieren wollen, die sich dem allgegenwärtigen Thema Flüchtlinge nicht nur entziehen, sondern tatsächlich oder subtil ihre Ablehnung auf die eine oder andere Weise kundtun.

Nun kommt der Abschied, aber ich habe in Berlin eine noch viel größere Gemeinde, wo ich auch weiterhin das hier Angefangene tun kann. Ich wünschen allen Helfern und allen Neugranseern ein erfolgreiches und hoffnungsvolles Neues Jahr.

Marianne Bunyan